Systemrelevant Podcast: Gleicher Lohn, klare Kante: Warum Transparenz zählt
Gleiche Arbeit, ungleiche Bezahlung: Die neue Entgelttransparenzrichtlinie soll das ändern. Aber warum kommt sie nicht voran – und was würde sich konkret ändern? Antworten gibt HSI-Direktor Ernesto Klengel.
[26.06.2026]
Über Geld spricht man nicht – genau das könnte Teil des Problems sein. Wer arbeitet, will fair bezahlt werden. Trotzdem verdienen Frauen in Deutschland weiterhin deutlich weniger als Männer: Der Lohnunterschied liegt noch immer bei rund 15 Prozent. Für Ernesto Klengel, Direktor des Hugo-Sinzheimer-Institut (HSI), ist deshalb klar: „Wenn das Recht, was besteht, letztlich nicht dazu führt, dass sich was ändert, dann muss man das Recht ändern.“
Entgelttransparenz als Hebel für mehr Gerechtigkeit: Wer nicht weiß, wie die Entgeltstrukturen im Betrieb aussehen, kann Benachteiligung weder erkennen noch wirksam angreifen, so Klengel. Erst dadurch werden Ansprüche durchsetzbar.
Das Problem: Deutschland verfügt bereits über ein Entgelttransparenzgesetz – doch seine Wirkung bleibt begrenzt. Der HSI-Direktor spricht von einem „Prinzip ohne Praxis“: „Das Gesetz sieht so gut wie keine Sanktionen dafür vor, wenn Arbeitgeber dagegen verstoßen. Daher muss man sich nicht wundern, dass es nicht umgesetzt wird. Der individuelle Auskunftsanspruch hat auch da ziemlich hohe Hürden.“
Genau hier setzt die neue EU-Entgelttransparenzrichtlinie an. Sie soll die bestehenden Ansprüche deutlich erweitern, so Klengel. Künftig soll bereits vor dem Vorstellungsgespräch klar sein, welches Entgelt vorgesehen ist. Auch Schweigeklauseln zu Gehältern sollen ihre Wirkung verlieren, sodass „man darüber sprechen mit Kolleginnen und Kollegen“ sprechen kann.
Klengel sieht darin auch eine Chance für die Tarifpolitik. Tarifverträge seien wichtig und häufig stabilisierend. Gleichzeitig seien auch tarifliche Systeme nicht automatisch frei von überholten Bewertungsmustern. Die Richtlinie könne deshalb „als Hilfsmittel und als Rückenwind […] für neue Konzepte auch im Bereich der Entgeltfindung“ versteht.
Offen bleibt bislang die Umsetzung. Deutschland hat die Richtlinie noch nicht in nationales Recht überführt. Für Ernesto Klengel liegt das nicht an fehlender Zeit: Die Fristen seien lange bekannt gewesen und der Handlungsspielraum ausreichend. Sein Eindruck: „Der politische Wille fehlt derzeit.“
Gleicher Lohn braucht klare Kante und somit mehr Transparenz. Mehr zum Thema im weiteren Verlauf der Folge.
[Moderation: Marco Herack]
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In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.
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