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Systemrelevant Podcast: Moderne Plattformarbeit - alte Lohnlücken?

Digitale Plattformen wirken neutral – doch Studien zeigen: Auch dort verdienen Frauen im Schnitt weniger. Wie sich die Bezahlung auf Plattformen zusammensetzt, warum Flexibilität zur Falle werden kann und welche EU-Regeln jetzt entscheidend werden, erklären Ernesto Klengel und Ulrike Spangenberg.

[20.02.2026]

Wer glaubt, Plattformarbeit sei per se gerecht, weil Algorithmen keine Geschlechter kennen, wird in dieser Podcastfolge eines Besseren belehrt. Gleich zu Beginn macht Ernesto Klengel, Direktor des Hugo Sinzheimer Instituts (HSI), deutlich, warum das Thema brennt: In Deutschland werde über Lohn ungern gesprochen – dabei sei Entgelt eine Kernfrage der Geschlechtergerechtigkeit. „Frauen bekommen immer noch 16 Prozent weniger als Männer“, so Klengel. Plattformarbeit rückt in den Fokus, weil sie wächst und neue Strukturen der „Arbeitswelt der Zukunft“ sichtbar macht. Die Hoffnung: Digitale Tools entscheiden objektiver. Die Gegenannahme: Intransparente Systeme verstärken Ungleichheit. Zusätzlichen Druck erzeugen zwei EU-Vorhaben – eine Richtlinie zur Plattformarbeit und eine zur Entgelttransparenz.

„Entgeltgleichheit ist eines der zentralen gleichstellungsrelevanten Themen in Deutschland, es ist eine wesentliche Grundlage für eine gerechte Bezahlung und eine eigenständige Existenzsicherung unabhängig vom Geschlecht. Dies muss auch für Arbeit auf Plattformen gewährleistet werden.“, so fasst Ulrike Spangenberg, ehemalige Co-Leiterin der Geschäftsstelle für den dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zum Thema Digitalisierung, die Lage ein. 

Die Studie greift eine Empfehlung des dritten Gleichstellungsberichts (2024) zur „geschlechtergerechten Gestaltung der Digitalisierung“ auf. Sie zeigt zunächst, wie Plattformen bezahlen: selten nach Zeit, häufig nach Leistung, teils mit „Gamification-Elementen“, also finanziellen Anreizen bei hoher Nachfrage. Hinzu kommen automatisierte Auftragszuweisungen, die den Zugang zu besser bezahlten Jobs steuern, sowie Reputationssysteme, in denen Kund*innen bewerten – mit Folgen für künftige Einnahmen.

Im zweiten Teil fragt die Studie: Gibt es einen Gender Pay Gap auf digitalen Plattformen – und wodurch entsteht er? Zudem prüft sie, ob sich bestehende Gesetze gegen Lohndiskriminierung übertragen lassen. Im Fokus steht der Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“.

Spangenberg spricht von einem klaren Trend: „Frauen werden auch auf Plattformen im Durchschnitt schlechter bezahlt als Männer.“ Je nach Studie liegen die Differenzen zwischen „4 und 37 Prozent“. Die Ursachen ähneln dem traditionellen Arbeitsmarkt – etwa Segregation nach Branchen und die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit. Spezifisch für Plattformen sei aber, dass „Flexibilität“ oft als implizites Leistungskriterium wirkt – zum Nachteil von Menschen mit Betreuungspflichten. Wer nur in engen Zeitfenstern arbeiten kann, nimmt häufiger weniger attraktive Aufträge an und verpasst Boni. Bei Microtasks könne eine Unterbrechung sogar dazu führen, dass Arbeit am Ende unbezahlt bleibt, wenn Zeitlimits überschritten werden.

Am Ende stehen konkrete Empfehlungen: Plattformbetreibende sollen Verantwortung übernehmen – auch für Diskriminierung durch Dritte wie vorurteilsbehaftete Bewertungen. Nötig seien stärkere Durchsetzungsmechanismen, Berichtspflichten und Datenauswertungen, wie sie die Entgelttransparenzrichtlinie vorsieht. Plattformen besitzen die Daten, um Unterschiede sichtbar zu machen – wenn Regeln sie dazu verpflichten. Mehr dazu im Verlauf der Folge.

Alle Informationen zum Podcast

In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.

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